-
Stall, Schmiede und Pferde-Krankenstation - unser Museumsgebäude in der Kulturbrauerei in Berlin hat eine lange Geschichte. Heute gibt es in den Räumen einen Trabi, Kinderzeichnungen und eine Datsche zusehen. Wir beleuchten das Damals und das Heute.Rosenplänter: Es gibt wahrscheinlich nicht sonderlich viele Museen, die von sich behaupten können, dass in den Räumen, in denen sie ausstellen, früher mal Pferde gesund gepflegt wurden. Wir können das. Im Museum in der Kulturbrauerei im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.
Lukasch: Ja, das ist ein bisschen verrückt eigentlich, denn die Krankenstation befand sich im ersten Stock, dort, wo wir jetzt den Großteil unserer Dauerausstellung zeigen.
Rosenplänter: Mike Lukasch ist das. Er ist der Direktor des Museums in der Kulturbrauerei. Und mein Name ist Maike Rosenplänter. Willkommen zu dieser Zeitgeschichte. Das Museum in der Kulturbrauerei gibt es seit 2005, aber das Gelände gibt es schon viel länger.
Lukasch: Ja, also die Geschichte der Brauerei geht natürlich schon sehr viel länger zurück bis 1842. Aber mit Unterbrechung, natürlich auch während der Kriege und während der unterschiedlichen historischen Phasen, ist hier bis 1967 Bier gebraut worden. Und da sich dann das Ganze nicht mehr gelohnt hat vor Ort, der Gerätepark sehr alt war, ist man mit der Brauerei ausgezogen. Und dann ist es Stück für Stück auch da schon genutzt worden von unterschiedlichen Menschen. Unter anderem vom Franz-Club, der 1970 hier aufgemacht hat in einem Teil. Ein sehr legendärer Jugendclub, der eigentlich über die Grenzen Berlins bekannt war in der DDR.
Und ja, dann gab es verschiedene Möbel- und Lagernutzungen oder andere Nutzungen. Und auch ein großer Teil des Geländes ist dann bis 1989 eigentlich verfallen.Rosenplänter: Ab 1991 sind dann ganz viele Künstlerinnen und Künstler auf das Gelände gezogen und haben aus der ehemaligen Brauerei einen Ort der Kultur gemacht. Da lag der Name natürlich auf der Hand: Kulturbrauerei.
Unter anderem zog die sogenannte Sammlung industrieller Gestaltung in die ehemaligen Pferdeställe ein.Lukasch: Und das ist eine ganz spannende Geschichte, denn diese „Sammlung Industrielle Gestaltung“ ging aus einem Amt hervor: dem Amt für Formgestaltung in der DDR. Und die hatten eine sehr große Sammlung zum DDR-Design oder wie man dort sagte, Formgestaltung. Und die zogen hier ein und haben dann ab 1993 auch hier Ausstellungen gezeigt. Da allerdings der Sammlungsbestand sehr umfassend war und gerade die Sicherung dieses Bestandes schwierig war, suchte man dann einen Träger, der das Ganze professionell betreiben kann. Und so kamen wir 2005 in den Besitz dieser Sammlung, da man sagte, es muss ein großes Museum sein, das sich diesem Bestand annimmt und damit auch dieses Gebäude weiter bedient und so sind wir seit 2005 formal in diesem Gebäude.
Rosenplänter: Wobei es gar nicht so einfach war, dieses Gebäude als Museum zu nutzen, erinnert sich Mike Lukasch, weil es ja eigentlich Stall, Schmiede und Pferdekrankenstation gewesen ist.
Lukasch: Zunächst einmal muss man sagen, dass das Gelände auch nicht zugänglich war, nicht nach den aktuellen Brandschutzstandards und auch nicht Sicherheitsstandards. Und so mussten wir tatsächlich sehr, sehr umfassende Umbaumaßnahmen vornehmen bevor wir das Haus überhaupt wieder in Betrieb nehmen konnten. Unter anderem musste ein Aufzug eingebaut werden, um zumindest eine Barrierearmut herzustellen. Barrierefreiheit ist in so einem Gebäude natürlich fast unmöglich, aber wir haben alles getan, was man tun kann, um das möglichst zu erreichen oder da nahe ranzukommen.
Rosenplänter: Gleichzeitig wurde aber auch versucht, das zu erhalten, was das Gebäude an Besonderheiten hatte. Zum Beispiel eben jene Krankenstation für Pferde.
Lukasch: Um in den ersten Stock zu gelangen, mussten die Pferde eine Rampe hochgehen. Und diese Rampe hat man natürlich entfernt, aber die Denkmalpfleger haben gesagt, wir müssen irgendwie an diese alte Nutzung erinnern. Und so haben wir einen schwarzen Bitumenstreifen schräg durch unser Foyer laufen, sehr breit, sehr auffällig, der an den Verlauf dieser Rampe erinnern soll und natürlich bei Besucherinnen und Besuchern auch immer wieder Fragen aufwirft, was das denn sein soll.
Rosenplänter: Heute ist im ersten Stock unsere Ausstellung zum Alltag in der DDR.
Lukasch: Und da gibt es natürlich sehr viele, tatsächlich, Gebrauchsgegenstände. Vom Rasierapparat, über ein Teeei oder über Schuhe, über Zeitungen, also ganz verschiedene Gegenstände. Und natürlich auch für Menschen, die, ich sage jetzt mal, die DDR nur aus dem Buch kennen oder aus Geschichten. Große Gegenstände, die man erwartet, wie ein Trabant. Aber eben auch ganz kleine Gegenstände, wie zum Beispiel Torwarthandschuhe aus dem Westen. Ein sehr beliebtes Objekt, wo man sich dann fragt, wieso hat Bodo Ilgner, ein westdeutscher Torwart, denn hier Handschuh hinterlegt? Und das hat er natürlich nicht selber gemacht, sondern das hat jemand gemacht, der sie ergattert hat im Westen und uns zur Verfügung gestellt hat, um damit auch nochmal zu zeigen, wie die Verbindungen eigentlich zu Westdeutschland auch immer waren.
Rosenplänter: Es gibt aber auch Objekte in der Ausstellung zu sehen, die es so vermutlich nur in der DDR und in anderen sozialistischen Staaten gegeben hat und gibt. Franziska Gottschling ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum in der Kulturbrauerei und hat selbst Objekte für die Ausstellung aufgetan. Sie findet die Kinderzeichnungen besonders aussagekräftig, die im ersten Ausstellungsraum hängen.
Gottschling: Die Kinderzeichnungen sind in der Ausstellung in einer Ecke vor einem Großfoto eines Kindergartens aus der DDR zu sehen. Und diese Kinderzeichnungen wurden Anfang der 80er Jahre angefertigt und sind eigentlich so gestaltet wie Kinderzeichnungen, ich würde fast sagen, weltweit. Aber auf den zweiten Blick hat man dann ein Motiv. Das heißt: Ich trage eine Fahne. Und wenn man die Geschichte der DDR oder auch der sozialistischen Länder ein bisschen kennt, die Fahnen, die zum 1. Mai geschwenkt wurden, der Fahnenappell, solche Sachen deuten schon darauf hin, dass es eben keine Kinderzeichnungen aus der Bundesrepublik waren, sondern eben aus der DDR.
Rosenplänter: Die Bilder stammen von einer ehemaligen Kollegin. Ihre Eltern hatten ihre Kinderzeichnungen aufbewahrt und sie hat sie uns dann zur Verfügung gestellt.
Gottschling: Wir sammeln in unserem Museum ja auch viele Alltagsobjekte, die den Alltag von Kindern, von Erwachsenen, von Menschen in der DDR eben näher beschreiben und beleuchten. Und deswegen sind solche Kinderzeichnungen aus dieser Zeit für uns interessant, auch im Zusammenspiel mit den anderen Objekten aus der Zeit. Etwa mit einem typischen Kinderwagen, den man heute auch sieht, so ein Sechserkinderwagen. Oder den Liegen, die es damals in den Kindertagesstätten gab, die auch heute noch erkannt werden, dass das sehr typisch war für die DDR, dass so Klappliegen für den Mittagsschlaf aufgebaut wurden. Und dazu passen eben auch diese Kinderzeichnungen. Wir versuchen ja immer, Objekte in ihrem Kontext mitzusammeln.
Rosenplänter: Ein anderes, besonderes Objekt ist zum Beispiel ein Gästebuch des Ferienheims Haus Goor auf Rügen. Das Ferienheim war den Angestellten des volkseigenen Betriebs Eisenhüttenkombinat in Eisenhüttenstadt vorbehalten.
Gottschling: Jetzt muss man wissen, dass es in der DDR sogenannte FTGB-Ferienheime gab, also die von der Gewerkschaft, also von der Einheitsgewerkschaft, betrieben wurden. Und daneben gab es aber auch Betriebsferienheime. Und diese Plätze waren natürlich hochbegehrt, da musste man einen Ferienscheck für erhalten. Und das haben natürlich dann besonders verdiente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen. Und dieses Betriebsferienheim gab es schon Ende der 50er Jahre. Und das wurde auch bis 1991 betrieben. Danach wurde es wieder privatisiert und heute ist es eben ein Hotel.
Rosenplänter: Franziska Gottschling hat dieses Gästebuch bei ihren Recherchen durch Zufall gefunden. Eigentlich hatte sie in einem Archiv in Eisenhüttenstadt recherchiert über Betriebsferienheime und wurde dort darauf aufmerksam gemacht, dass es dieses Haus Goor noch gibt und die neuen Besitzer dort eine eigene kleine Ausstellung haben. Deshalb ist sie nach Rügen gefahren und hat sich das Gästebuch angeschaut.
Gottschling: Also in diesem Buch haben sich verschiedene Leute verewigt, aber offensichtlich hat ein Gast ganz besonders viele Seiten ausgefüllt mit Zeichnungen aus dem Urlaubsalltag der Gäste von Haus Goor. Da sieht man dann zum Beispiel, wie er sich, also er hat sich einmal wahrscheinlich selbst gezeichnet und kam vom Angeln zurück. Oder er zeichnet die Kellnerinnen, die da im Restaurant arbeiten. Man sieht aber eben auch eine ganze Seite mit einer Danksagung von Mitgliedern der sozialistischen Gewerkschaft CGT aus Frankreich, die eben auch in dem Sommer im Haus Goor waren und die sich dann auf Deutsch und Französisch sehr schön geschrieben für den netten Aufenthalt bedanken.
Rosenplänter: Wenn ihr mal in der Kulturbrauerei seid, dann könnt ihr da gerne selbst ein bisschen drin blättern und euch die Bilder anschauen.
Gottschling: Wir können das im Original natürlich nicht zum Blättern ausstellen, sondern wir haben dieses Gästebuch aufwendig reproduzieren lassen, sodass Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit haben, da reinzuschauen und einen Eindruck zu bekommen von so einem Urlaubssommer auf Rügen.
Rosenplänter: Was euch sicher auch auffallen wird, wenn ihr mal da seid, sind die großen Objekte in unserer Ausstellung. Den Trabi hatte Mike Lukasch in dieser Folge Zeitgeschichten ja schon angesprochen und es war gar nicht so leicht, dieses Gefährt in die Ausstellung zu bringen.
Lukasch: Ja, der Trabi, da hatten wir tatsächlich zwei Profis am Werk, die Trabanten in- und auswendig kannten, uns da geholfen haben, ihn so weit auseinanderzunehmen, dass wir ihn oben wieder zusammensetzen konnten und dass es auch nach wie vor originalgetreu alles, jede Schraube an seinem richtigen Platz und Ort ist.
Rosenplänter: Aber es gibt auch noch andere große Objekte, wo ihr euch sicher fragen werdet, wie sind die denn hier reingekommen? Die Datsche gehört da sicher dazu. Ja, tatsächlich steht eine komplette Gartenhütte im ersten Stock des Museums in der Kulturbrauerei. Und noch mehr. Zum Beispiel auch ein komplettes Schaufenster, das sogar aus der Nachbarschaft des Museums stammt und zu der Zeit noch als Schaufenster genutzt wurde. Ein absoluter Hingucker, sagt Mike Lukasch. Er hat es durch Zufall gefunden, als er noch vor Eröffnung des Museums in einen Hinterhof auf dem Brauereigelände geschaut hat.
Lukasch: Wir haben uns mit dem Eigentümer in Verbindung gesetzt und tatsächlich gefragt, ob wir diese Vitrinen, diese Ansicht, diese Schaufensteransicht nicht für uns haben können. Und sie können sich vorstellen, das war natürlich eine etwas überraschte Reaktion auf der anderen Seite. Was wollt ihr denn mit dem alten Schaufenster? Aber wenn ihr das rausmacht und uns keine Kosten entstehen, dann könnt ihr das gerne haben. Und so ist es bei uns in die Ausstellung gekommen und ist jetzt natürlich auch wieder ein Aha-Effekt, denn dieses Schaufenster wird natürlich erkannt von Menschen, die in der DDR gelebt haben. Und so wirken die Objekte in der Vitrine oder in diesem Schaufenster natürlich nochmal viel authentischer.
Rosenplänter: Und an Menschen, die in der Ausstellung Bekanntes wiederentdeckt haben, waren sicher in den letzten 15 Jahren einige da. 900.000 Besucherinnen und Besucher sind in dieser Zeit in der Dauerausstellung des Museums in der Kulturbrauerei gewesen. Plus 300.000, die sich unsere Wechselausstellungen angeschaut haben. Vielleicht findet ihr ja auch Bekanntes. Ihr seid jedenfalls herzlich willkommen, uns in unseren Ausstellungen in der Kulturbrauerei in Berlin, aber auch im Tränenpalast, im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig und im Haus der Geschichte in Bonn zu besuchen. Und wenn es was Neues zu berichten gibt, dann erfahrt ihr davon ganz bestimmt auf Twitter, Facebook oder bei Instagram. Ansonsten freuen wir uns natürlich über Empfehlungen von unseren Ausstellungen, klar, aber auch von diesem Podcast. Wenn er euch gefallen hat, dann erzählt es gerne weiter. Und auch gerne den Abonnieren-Knopf drücken, falls ihr das noch nicht gemacht habt. Dann erfahrt ihr sofort, wenn es wieder was Neues bei Zeitgeschichte(n) der Museumspodcast gibt. Bis dahin, euch eine schöne Zeit!
Meike Rosenplänter, Moderation
Dr. Mike Lukasch, Abteilungsleiter Standort Berlin
Franziska Gottschling, wissenschaftliche Mitarbeiterin
2008 - Kulturbrauerei